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Die neuesten Analysemethoden

Im Abschnitt „Traditionelle Analysemethoden“ wurden die Grundlagen der technischen Analyse und der Fundamentalanalyse der Börsenmärkte dargelegt und der Schluss gezogen, dass die schwierigste Aufgabe des Börsenhandels in der Kunst besteht, die Trends der Marktänderung zu analysieren und entsprechend vorherzusehen, insbesondere, welche Faktoren und auf welche Weise diese den Markt beeinflussen.

Daher läge es auf der Hand, anzunehmen, dass gerade die Entwicklung und Perfektionierung dieser Methoden auch in Zukunft die vorrangigste Aufgabe darstellen. In den letzten Jahren jedoch konnten wir beobachten, wie alternative Methoden der Marktanalyse aufkamen, insbesondere solche, die auf die Chaostheorie gründen, auf das Chaos, das im Wesentlichen nichts anderes ist als eine höhere Erscheinung der natürlichen Ordnung. Die Chaostheorie stellt in letzter Zeit einer der modernsten Ansätze für die Marktforschung dar.

Um den Effektivitätsgrad dieser oder jener Methoden zu beurteilen, ist ein kleiner historischer Exkurs in die Vergangenheit notwendig.

Preischarts begann man erstmals in den Vereinigten Staaten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu erstellen. Unter diesen Vorreitern waren Charles Dow, der Begründer der berühmten Theorie über den Wertpapiermarkt, und William Hamilton, der Dow in der Funktion des Herausgebers des  Wall Street Journal ablöste. Dow schrieb zu Lebzeiten kein Buch, sondern hinterließ nur Redaktionsartikel. Hamilton legte die Prinzipien der Dow-Theorie im „Barometer des Aktienmarktes“ dar. Robert Rhea, Autor des Informationsbulletins, rundete in seinem 1932 erschienen Buch mit dem Titel „Die Dow-Theorie“ die Arbeiten Dows ab. Hier wurde erstmals die philosophische Grundlage der technischen Analyse formuliert, die auf drei Postulaten beruht:

  • Der Markt berücksichtigt alles.
  • Die Preisbewegung ist Trends unterworfen.
  • Die Geschichte wiederholt sich.

Die 30er-Jahre waren das goldene Zeitalter der Charts. Viele einfallsreiche Personen verfügten nach dem Zusammenbruch 1929 über viel Freizeit. Schabacker, Rhea, Elliot, Vikoff, Gunn und andere veröffentlichten ihre Studien in dieser Zeit. 1948 publizierten Edwards und Magee die „Die technische Analyse der Marktrends“. Sie popularisierten auch Begriffe wie Dreieck, Rechteck und „Schulter-Kopf-Schulter“ und andere Formationen in den Charts, sowie Trendlinien und Niveaus der Unterstützung und des Widerstandes. Andere Chartspezialisten wendeten diese Prinzipien auf die Handelsmärkte an.

Während sich die technische Analyse im Wesentlichen mit der Studie der Marktdynamik beschäftigte, war Gegenstand der Fundamentalanalyse die wirtschaftliche Kraft von Angebot und Nachfrage, die Preisschwankungen hervorrufen. Beim fundamentalen Ansatz werden alle Faktoren analysiert, die auf diese oder jene Weise den Preis einer Ware beeinflussen. Das wird deswegen durchgeführt, um den inneren oder fairen Wert einer Ware zu bestimmen. Nach den Ergebnissen der Fundamentalanalyse spiegelt gerade dieser faire Wert wider, wie viel in Wirklichkeit diese oder jene Ware kostet. Wenn der faire Wert niedriger als der Marktpreis der Ware ist, muss die Ware verkauft werden, da für sie mehr gegeben wird, als sie tatsächlich kostet. Wenn der faire Wert höher als der Marktpreis der Ware ist, muss gekauft werden, denn sie ist billiger, als sie tatsächlich kostet. Dabei wird ausschließlich von den Gesetzen von Angebot und Nachfrage ausgegangen.

Diese beiden Ansätze zur Vorhersage der Marktdynamik versuchen ein und dasselbe Problem zu lösen: zu bestimmen, in welche Richtung sich die Preise bewegen werden. An dieses Problem kann man aber von verschiedenen Seiten herangehen. Während der Fundamentalanalyst versucht, die Ursache der Marktbewegung zu verstehen, interessiert sich der technische Analyst nur für die Tatsache dieser Bewegung. Alles, was er wissen muss, ist, dass eine solche Bewegung oder Dynamik des Marktes vorliegt, wodurch sie hervorgerufen wurde, ist bereits nicht mehr so wichtig. Der Fundamentalanalyst wird versuchen herauszufinden versuchen, warum detwas geschehen ist.

Seit den Zeiten von Edwards und Magee haben sich die Märkte stark verändert. So betrug in den 40er-Jahren die Anzahl der Aktien, die täglich auf der New Yorker Wertpapierbörse erschienen, mehrere Hundert, in den 90er-Jahren dagegen überschritt sie oft eine Million. Das Kräftegleichgewicht auf dem Wertpapiermarkt verschob sich auf die Seite der „Stiere“. Frühe Chartspezialisten schrieben, dass Marktanstiege schnell und abrupt verlaufen, während Rückgänge längere Zeit in Anspruch nehmen. Das traf auch für die Deflationsperiode zu, aber seit den 50er-Jahren verhält es sich umgekehrt. Nunmehr vollziehen sich Rückgänge schnell und Anstiege brauchen wesentlich mehr Zeit.

Diese Änderungen sind auf einen stürmischen wissenschaftlich-technischen Fortschritt und auf dessen Implementierung in allen Lebensbereichen zurückzuführen, darunter auch im Bereich der Wirtschaft, des Finanzwesens und der Börsenmärkte. Die Entwicklung von Personalcomputern stattete die technischen Analysten mit Instrumenten aus, die ihnen ermöglichten, mit riesigen Datenmengen zu arbeiten, eine größere Anzahl von Charts für verschiedene Märkte zu erstellen und sie eingehender zu analysieren. Der Computer beschäftigte sich mit der Datenverarbeitung, wodurch er den Analysten mehr Zeit zur Überlegung und Entscheidung gab. Er erlaubte, sich bei der Marktanalyse auf eine größere Zahl von Indikatoren zu stützen und eine größere Zahl von Marktsituationen zu betrachten. Unter den technischen Analysten kamen sogenannte mechanische Handelssysteme – Computerprogramme für die Marktanalyse mit automatischer Entscheidung über den Geschäftsabschluss – auf, die heute breite Anwendung finden. Mit der Entwicklung der Telekommunikation und insbesondere mit der flächendeckenden Einführung des Internets änderte sich die Situation auf den Börsenmärkten noch stärker: Es ist eine enorme Zunahme der Marktvolumina und -teilnehmer zu beobachten, es findet eine Globalisierung der Märkte statt – sie werden zu weltweiten Märkten – und, was besonders zu betonen ist, es zeigen sich Änderungen in der Psychologie der so genannten „Börsenmasse“ aufgrund ihrer drastischen quantitativen und qualitativen Veränderung (womit ihr mittlerer sozialer und wirtschaftlicher Status gemeint ist).

Als Reaktion auf alle diese Veränderungen, und in erster Linie nach der Analyse der mehr als bescheidenen Handelsergebnisse der mit Supercomputern und modernsten Analyse- und Telekommunikationssystemen ausgerüsteten Teilnehmer des Börsenmarktes und Fundamental- und technischen Analysten, begannen immer mehr Trader neue Handelsprinzipien und -ansätze zu suchen. Als fortschrittlichster, sogar revolutionärer, kann von unserer Warte aus der auf der Chaostheorie beruhende Ansatz, der die Postulate und die Philosophie der „traditionellen“ technischen Analyse ablehnt, betrachtet werden.

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